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Nr. 14 | Frühjahr 2005

älter werden

Editorial

Und solang Du dies nicht hast,
Dieses "Stirb und Werde",
Bist Du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Johann Wolfgang von Goethe


Vom ersten Lebensaugenblick an werden wir älter. Solange wir wach sind, unsere Sinne gebrauchen, uns erinnern, denken und handeln - solange über-
wiegen, biologisch gesprochen, die abbauenden Prozesse in unserem Organismus. Deshalb werden wir am Abend müde und brauchen den Schlaf, um uns körperlich wieder zu erholen. Was aber geschieht währenddessen mit unserem Bewusst-
sein? Wo ist unser Ich im Schlaf? Woher holt es seine schöpferischen Kräfte?

Der Wechsel zwischen Wachen und Schlafen, zwischen dem biologischen und dem geistigen Menschen, kann zu einem Bild für die Umkehr des Pendels in der Biographie werden. Körperlich nehmen unsere Kräfte spätestens nach der Lebensmitte ab. Seelisch und geistig aber können sie weiter wachsen. In welchem Umfang dies gelingt, hängt davon ab, was uns das Leben schenkt, aber auch davon, was wir daraus machen. Wenn wir mit dem Älterwerden nur das Erleben verbinden, wie baufällig unsere "Körperhütte" wird, unsere "kroppshydda", wie der schwedische Volksmund den Körper nennt, so übersehen wir den "zweiten Menschen in uns", den geistigen Menschen. Er tritt uns im faltenreichen Antlitz eines alt gewordenen Menschen entgegen, das durch sein reiches Leben und seinen Charakter geprägt worden ist. Oft erahnen wir erst im Rückblick auf den Lebenslauf, wer unser schöpferisches Ich, wer der große Verwandler in uns eigentlich ist.

Achim Freyer, der Theaterregisseur und Bühnen-
bildner, Schüler Brechts im Theater am Schiff-
bauerdamm, hat kürzlich erzählt, welche Bedeutung die Verwandlung der Raupen in Schmetterlinge für sein Leben hatte. Schon als Schüler sammelte er Schmetterlinge und studierte intenstiv ihre Meta-
morphose: "Als Maria Sybilla Merian das tat, galt sie praktisch noch als Ketzerin." Sein erster Ausbruch nach Westen, kurz vor dem Abitur an einem Internat in der Nachkriegs-DDR, führte ihn zu dem damals berühmten Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek, bei dem er sich als Schmetter-
lingskundler bewarb. Der ließ ihn allerdings den Umgang mit Düngemitteln praktizieren. Bei seinen Bühnenproduktionen aber kam Freyer immer wieder auf das Verwandlungsmotiv Raupe - Puppe -
Schmetterling zurück.

Wenn wir sagen: "Ich möchte in Würde alt werden", dann meinen wir doch: "Ich möchte auch in Krankheit und Sterben Menschen begegnen, die um dieses Geheimnis des geistigen Menschen wissen, der auch im Alter noch wachsen kann und der nicht aufhört, Entwicklungen und Verwandlungen anzustoßen, womöglich sogar über den Tod hinaus."

Noch etwas in eigener Sache: In dieser Ausgabe begrüßen wir Annette Bopp als neue Redakteurin von "medizin individuell". Stefan Rotthaus, dem Redakteur der ersten Stunde, danken wir für seine Arbeit. Auch unsere Zeitschrift wird älter und zugleich hoffentlich jünger in neuer Gestalt!

Herzlich, Ihr Peter Zimmermann
Vorstand des Gemeinschaftskrankenhauses
Herdecke

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