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Nr. 34 | Der Rücken

Nr. 34 | Frühling 2009

rücken

Aufrecht bleiben

Editorial

„Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig“ – kennen Sie die Lösung dieses Rätsels der Sphinx? Es ist der Mensch. Warum dreifüßig am Abend? Ganz einfach: Im Alter bedarf er der Stütze und nimmt den Stock als dritten Fuß zuhilfe. Zum Menschsein gehört der aufrechte Gang in der Lebensmitte ebenso wie der unbändige Drang, sich aufzurichten, den wir an jedem Kleinkind miterleben können. Und ob es uns gefällt oder nicht – je älter wir werden, gehört auch der gebeugte Gang zu uns, der der Stütze bedarf.

Aber die „Volkskrankheit Rückenschmerz“ ist nur Folge des Alterns – schließlich können auch schon junge Menschen am Bandscheibenvorfall erkranken. Und die Erkenntnis, dass wir uns in den westlichen Industriegesellschaften zu wenig und zu einseitig bewegen, ist ein alter Hut – jedoch ohne dass wir daraus die nötigen Konsequenzen ziehen würden. Denn: „Manches ginge besser, wenn wir mehr gingen.“ Jedes Präventionsprogramm enthält heute Bewegungsübungen – zu Recht, denn wir bewegen uns generell viel zu wenig.

Aber es gibt Hinweise darauf, dass wir unsere Wirbelsäule nicht nur physisch verschleißen. Nicht nur das Alter beugt uns nieder, auch der wachsende Druck der Leistungsgesellschaft, die Sorge um den Arbeitsplatz oder gar dessen Verlust, das Gefühl der Desorientierung und der Sinnlosigkeit können uns „das Kreuz brechen“.
Sich (wieder) aufrichten – dazu will medizin individuell diesmal Mut machen. Wir stellen Ihnen viele feinfühlige Helfer vor, die darin geübt sind, Patienten mit meist jahrelangen Schmerzen eine Perspektive zu geben und sie zu begleiten. „Ich habe endlich meinen Körper wieder richtig gespürt“, so drückt es eine der Patientinnen aus. Der Weg dahin und die therapeutischen Mittel müssen individuell herausgefunden werden. Und oft besteht die Hilfe darin, den Schmerz zu verringern und mit dem Schmerz anders umgehen 
zu lernen.

Bleibt der Schmerz über unser Gesundheitssystem, das gerade das so schwer macht, was alle Fachleute als hilfreich erkannt haben: Das verstehende, den Lebenslauf einbeziehende Gespräch. Eine intensive Behandlungsphase, in der die verschiedensten Therapeuten im Team zusammenarbeiten, damit der Patient einen neuen Ansatz erfahren 
kann. Und eine alltagsnahe, übende Weiterbehandlung, damit der Therapie-erfolg nachhaltig wirkt. Für die wenigen Plätze in der „Multimodalen Schmerztherapie“ ist die Warteliste lang. Unser System belohnt eher die Drei-Minuten-High-Tech-Medizin. Eine Operation „lohnt“ sich eher, als eine wirklich angemessene Physiotherapie. Und der Patient sitzt – dank der „Sektorengrenzen“ der Gesundheitsversorgung – zwischen allen Stühlen statt in der Mitte eines therapeutischen Teams.

Auch dagegen sollten wir aufstehen, am besten gemeinsam.

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