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Neonatologie

Nr. 37 | Winter 2009/2010

zur welt kommen

geburtshilfe und neonatologie

Editorial

Das Thema „Zur Welt kommen“ bleibt immer etwas Besonderes – schließlich ist für jedes Elternpaar das Ereignis der Geburt eines Kindes so überwältigend, als werde überhaupt zum ersten Mal ein Kind geboren.

In diesen weihnachtlichen Tagen vor der Geburt des Jesuskindes blätterte ich im kalten und dunkeln Norden Schwedens in einer alten Dorfchronik. Im Jahr 1803 hatte der Pfarrer im Gemeinderat auf einen königlichen Erlass hingewiesen, nach dem in jedem Sprengel eine Hebamme auf Kosten der Allgemeinheit angestellt werden müsse, „damit nicht Mutter oder Leibesfrucht das Leben daransetzen oder auf andere Weise verderben mögen“. Die anwesenden Herren waren, unter Verweis auf die hohen Kosten und den sowieso schon strapazierten kommunalen Haushalt, anderer Meinung: Es gebe hier „keinen Mangel an Frauen, die die Entbindenden bedienen können, und die durch langjährige Übung darin genügend erfahren“ seien, obgleich sie nicht in Stockholm ausgebildet und examiniert wurden, und man habe „das Vertrauen in die Vorsehung, dass diese zukünftig wie auch schon bis dato über das Leben sowohl der Mütter wie der Föten wachen“ werde. Es dauerte dann noch 30 Jahre, bis die erste Hebamme angestellt wurde.

Ein größerer Gegensatz zu unserem heutigen medizinischen Umgang mit Schwangerschaft und Geburt erscheint kaum denkbar. Das „Vertrauen in die Vorsehung“ haben wir durch die Kontrolle aller denkbaren Risiken ersetzt. 95 Prozent aller Kinder kommen in einer Klinik zur Welt. Die Säuglingssterblichkeit und die Rate mütterlicher Komplikationen liegen in Deutschland wie in allen Industrieländern auf historisch niedrigem Niveau. Wenn aber alles so „in Ordnung“ ist, wieso hat sich dann der Anteil von Kaiserschnitten an den Geburten seit 1991 verdoppelt und liegt nach den jüngsten Statistiken inzwischen bei 30, mancherorts sogar bei 50 Prozent? Wieso spricht die Versorgungsforschung von einer „Überversorgung der normalen Schwangerschaft“ und gleichzeitig davon, dass die wirklichen Risiko-Schwangerschaften nicht immer adäquat versorgt würden?

Dem Zeitgeist widersprechen, wo es aus Gründen der Vernunft angezeigt ist, das ist immer noch so wichtig wie vor 200 Jahren. Heute geht es darum, ein verkürztes Verständnis von Schwangerschaft und Geburt als hochriskante Prozesse, die medizinisch überwacht und beherrscht werden müssen, zu überwinden. Das wird nur durch eine Kultur der Zusammenarbeit zwischen Hebammen und FrauenärztInnen gelingen, die im Gespräch mit den Müttern (und Vätern) Vertrauen auf- und Ängste abbauen. In Zukunft wird es vor allem darum gehen, die sich entwickelnde Beziehung zwischen dem Kind und seinen Eltern zu begleiten und zu unterstützen – mit aller notwendigen modernen Medizin im Hintergrund. Dazu will diese Ausgabe von medizin individuell ermutigen.


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