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Nr. 47 | 13. Jahrgang

Demenz

„Fremd werden im eigenen Leben“ hat der (selbst betroffene) Journalist Alexander von Cube kürzlich den Verlust der Orien-tierung genannt, der mit dem Ausdruck „Demenz“ bezeichnet wird. Erst langsam wird der Vorhang von Scham und Tabu beiseite gezogen, hinter dem sichtbar wird, dass heute fast jeder jemanden kennt, der selbst betroffen oder Angehöriger eines an Demenz erkrankten Menschen ist. Verlust von Fähigkeiten, Verlust der Autonomie über das eigene Leben – das sind die Ängste, die sich in den Vordergrund schieben.

Unsere Gesprächspartner in dieser Ausgabe von medizin individuell sind alle überzeugt, dass der Kern der Persönlichkeit, ihre Würde und ihre einzigartige Biographie nicht verlorengehen können, auch wenn sie sich mehr und mehr verbergen. Gerade in therapeutischen Situationen, in denen Kreativität und Gegenwart gefragt sind – wie in der Musik, beim Tanz, im Spiel, kann ein Mensch mit Demenz überraschend anwesend sein. Welche Herausforderung an unsere Gesellschaft und ihre Institutionen (z. B. Kliniken oder Wohnumfeld), an unser Einfühlungsvermögen und unsere Kommunikations-fähigkeit in diesem Gedanken der unzerstörbaren Würde der betroffenen Menschen liegt, fangen wir erst an zu begreifen.

Dass die Medien das Thema aufgreifen, ist gut – wir müssen darüber reden. Aber jeder, der (meist unvorbereitet) gefordert ist, mit einem Menschen umzugehen, der seine Orientierung verliert, muss dies selber erst mühsam lernen. Dabei ist der Umgang mit den Gefühlen wichtiger als die kognitiven Fähigkeiten. Herzens- statt Hirnqualitäten sind gefragt, wie Uwe Scharf vom Nikodemus-Werk sagt. Und das Verständnis für eine Alterskultur, in der jede Begegnung und jeder Augen-blick bis zum Lebensende die Chance zur Entwicklung enthält.

Noch etwas: wenn wir uns als Gesellschaft dieser Herausforderung stellen wollen, ist eine neue Zusammenarbeit zwischen Laien und professionellen Helfern nötig. Alle Projekte zeigen, wie wichtig die ehrenamtlichen Mitarbeiter sind. So heißt Leben mit Demenz auch, eine neue Form der Solidarität entwickeln – „Zeit-Solidarität“ hat es Klaus Dörner genannt.



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