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Nr. 49 | 14. Jahrgang

Depression

Editorial

Für viele Menschen – Betroffene, Angehörige und Außenstehende – ist eine seelische Erkrankung wie die Depression noch immer ein Makel. Etwas, das man verstecken muss und für das man sich schämt. Wer von einem Burnout betroffen ist, kann vorübergehend den Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft nicht genügen. Der Grund dafür ist, dass er vorher sein Leistungspensum übererfüllt hat. Wer an einer Depression leidet, fällt schnell aus der Leistungsgesellschaft komplett heraus. Es hat den Anschein, als habe er schon vorher nicht genug getan, ja, als gebe er sich überhaupt zu wenig Mühe, etwas an seinem Zustand zu ändern. Folglich fällt es leichter, sich zu einem Burnout zu bekennen, als offen davon zu sprechen, an einer Depression zu leiden. Ganz zu schweigen von den tieferen Verletzungen, die häufig einer Depression zugrunde liegen und die im
Allgemeinen für die Umstehenden unsichtbar bleiben.

Mit dieser Ausgabe von medizin individuell wollen wir dazu beitragen, das Schweigen über die Depression zu verringern. Betroffene, die selbst das Wort ergreifen, können uns anderen helfen, die Krankheit besser zu verstehen und Anteilnahme zu entwickeln. Ärzte und Therapeuten, die von ihrer Arbeit berichten, können Hoffnung machen, dass es Auswege aus dem Stimmungs-Tief gibt. Die klinischen Konzepte, die wir vorstellen, folgen der Überzeugung, dass es mehr braucht als Psychopharmaka, um die negativen Kreisläufe zu durchbrechen, die sich in der Depression entwickeln. Ein Umgebungswechsel in einen stationären Rahmen und ein vielseitiges therapeutisches Angebot können neue Erfahrungen der Selbstwirksamkeit ermöglichen, die dem Ohnmachtsgefühl entgegenwirken und Lebensfreude reaktivieren.

Wer sich in der Depression weiterentwickeln will, braucht Zeit und muss Rückschläge ertragen können. Jeder von uns kann an einer Gesellschaft mitwirken, in der es kein Makel ist, sich die Zeit zur Entwicklung in einer seelischen Erkrankung zu nehmen. Jeder professionell oder persönlich Engagierte kann den Betroffenen mehr Zeit schenken, zu ihnen stehen und ihnen Angebote zur Unterstützung machen, ganz im Sinne des Satzes: „Alles was ist, darf sein. Alles was sein darf, kann sich entwickeln.“

Hier können Sie eine Leseprobe dieser Ausgabe als Acrobat PDF herunterladen.