Nr. 64 | Befund und Befinden | 18. Jahrgang

Befund und Befinden

Liebe Leserin, lieber Leser,


die Internetseite www.befunddolmetscher.de der Bertelsmann-Stiftung soll Patienten helfen, sich im Dschungel des Medizinerlateins besser zurechtzufinden. Auch die von Medizin-Student-
Innen betriebene Webseite www.washab-ich.de dient diesem Zweck. Wäre es aber nicht viel sinnvoller, einen umfassenden Befunddolmetscher zu haben, der unverständliche Befunde in die Sprache des Befindens übersetzt und umgekehrt? Die Frage „Was hab‘ ich?“ zu übersetzen in: „Was fehlt mir?“ Oder – wie es bei einer Krebskrankheit oft erlebt wird – Antworten auf die Frage zu suchen: „Warum habe ich nicht gemerkt, dass ich so krank bin?“ Oder: „Worauf will mich diese körperliche Befindensstörung
aufmerksam machen? Was will meine Seele mir damit sagen?“

Bei solchen Fragen im Umgang mit Krankheit, Krankheitsursachen und Krankheitsgefühl kommt die Psychosomatische Medizin ins Spiel, eine immer noch junge Fachdisziplin. Dabei leuchtet es ja unmittelbar ein, dass Körper und Seele sich nicht trennen lassen, dass Befund und Befinden immer miteinander zusammenhängen. Jede schwere körperliche Krankheit will auch seelisch verarbeitet werden, und sie hat ihren Platz in der Biographie eines Menschen.

Und doch haftet dem Befund „Das ist psychosomatisch“ im Bewusstsein vieler Menschen immer noch ein Makel an: Wenn eine Krankheit „nur“ seelisch bedingt ist, ist sie dann weniger ernsthaft? Bin ich dann vielleicht selbst dafür verantwortlich, krank geworden zu sein? Ein Ausdruck davon ist, dass Sie in dieser Ausgabe von medizin individuell nur eine Patientengeschichte finden. Andere Patienten wollten ihre Geschichte lieber nicht erzählen, trotz Anonymität. Dafür ist dieser Bericht umso bewegender! „Ich habe verstanden: Es war nicht meine Schuld“ ist ein Fazit, das eine Patientin mit chronischen Schmerzen nach ihrem zweiten Aufenthalt in der Psychosomatik in Havelhöhe endlich ziehen kann.

Dr. Bärbel Irion, langjährige Leitende Ärztin der Psychosomatikin Herdecke, beschreibt die ärztliche Rolle des „Befunddolmetschers“ aus ihrer Erfahrung so: „Idealerweise müsste man Befunde und Befindlichkeit zusammenfassen und sagen: Das ist der individuelle Diabetes von Herrn Müller, das der persönliche Bluthochdruck von Frau Maier, um aus dieser Diagnose und unter Einbeziehung von Befunden, Befinden und Lebensbedingungen die Therapie abzuleiten – gemeinsam mit dem Patienten.“ Darum bemühen sich die anthroposophischen Kliniken jeden Tag aufs Neue.

Herzlich, Ihr
Peter Zimmermann


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