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Nr. 65/66 | Psychatrie | 18. Jahrgang

Psychatrie

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in der Behandlung psychischer Erkrankungen ist die therapeutische Beziehung das wichtigste Heilmittel, ergänzt um die modernen Psychopharmaka, die eine therapeutische Beziehung in vielen schweren Fällen erst möglich machen. Diese scheinbar banale Erkenntnis steht aber in Frage, wenn die Angst oder die Sorge dazu kommt, der Patient könnte sich und andere gefährden. Dann sehen sich auch Psychiater gezwungen, zu Zwangsmaßnahmen zu greifen.

Wie man stattdessen vorbeugend arbeitet und Suizide, Suizidversuche oder körperliche Gewalt gegen andere Menschen ohne Zwangsmaßnahmen vermindern kann, ist in den letzten Jahren unter Fachleuten intensiv und kontrovers diskutiert worden. Diese Diskussion macht sich an dem symbolisch hoch aufgeladenen Begriff der „offenen“ bzw. „verschlossenen Tür“ fest.

Die österreichische Psychiaterin Undine Lang hat in der Charité in Berlin und in der Universitätsklinik Basel gezeigt, dass man auch in einer Großstadt geschlossene Stationen in der Akutpsychiatrie mit einem umfassenden Konzept schrittweise öffnen kann (Lang UE et al: Einführung einer »Offenen Tür Politik«, Recht & Psychiatrie, 2017, 35: 72-79). Das setzt unter anderem voraus, dass man nicht alle akut psychisch erkrankten Patienten in sogenannten „Aufnahmestationen“ versammelt, sondern über mehrere Stationen verteilt, damit auf allen diesen Stationen therapeutische Beziehungen entstehen können. Eine in der Zeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte Langzeitstudie über 15 Jahre an 21 deutschen psychiatrischen Kliniken konnte zeigen, dass bei 177.000 Patien-ten in offen geführten Abteilungen nicht häufiger Suizide, Suizidversuche oder unerlaubtes Sich-Entfernen von der Station vorkam, als in geschlossen geführten (Huber CG et al: Suicide risk and absconding in psychiatric hospitals with and without open door policies: a 15 year, observational study. Lancet Psychiatry,
2016, 3: 842-849.) Die Sicherheit, die mit der „verschlossenen Tür“ erreicht werden soll, ist also doch wohl nur eine scheinbare.

In dieser Ausgabe von medizin individuell wollen wir Ihnen zeigen, was eine anthroposophisch orientierte Psychiatrie gerade unter solchen vorbeugenden Rahmenbedingungen erreichen kann. Es gilt, Bedingungen zu etablieren, die es gestatten, auch dem akut psychisch erkrankten Patienten auf Augenhöhe zu begegnen. Das gelingt vor allem dank einer gezielten Weiterentwicklung der Kunsttherapien. In Herdecke sind vor diesem Hintergrund die Türen auf der Akutstation inzwischen kaum noch verschlossen.

Herzlich, Ihr
Peter Zimmermann


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